Äcker und Weinberge zählen aufgrund der intensiven Bewirtschaftung und dem Einsatz von Chemikalien zu den heute am meisten gefährdeten, nicht-aquatischen Lebensräumen der Schweiz. Die gefährdeten und ausgestorbenen Gefässpflanzenarten der Schweiz haben in Äckern und Weinbergen einen besonders hohen Anteil. Zur typischen Rebflora gehören viele einjährige Arten und Zwiebelpflanzen, wie beispielsweise der Acker- und der Wiesengelbstern (Gagea villosa und G. pratensis), der Strahlen-Breitsame (Orlaya grandiflora), die stängelumfassende Taubnessel (Lamium amplexicaule) und der gemeine Reiherschnabel (Erodium cicutarium). Abgesehen von gezielten Massnahmen wie beispielsweise der Ansaat typischer Rebbergarten ist es bis heute kaum gelungen, in den Fahrgassen der Rebberge die typische, wertvolle Rebflora zu fördern. Im seit 2020 laufenden Ressourcenprojekt «gefährdete Flora in Rebbergen» des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) testen wir zusammen mit der Firma Agrofutura die Förderung von Zwiebelgeophyten und Einjährigen sowie von wertvollen Wiesenpflanzen mit unterschiedlichen Massnahmen in 20 Betrieben in fünf Kantonen (AG, BE, BL, ZH, SH) der Alpennordseite.

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Muscari neglectum aggr WK M1 431

Als erste Massnahme wird in Rebbergen mit Restbeständen von Zwiebelgeophyten und Einjährigen der Boden jährlich im Sommer oder Herbst gespatet oder geeggt. Danach darf der Boden bis Ende Mai nicht mehr gestört werden (Schonzeit). In Rebbergen ohne Restbestände dieser Arten wird als zweite Massnahme mittels Einsaat geeigneter Arten eine artenreiche Wiesenvegetation entwickelt. Dabei wird das Schnittgut jeweils abgeführt und auf eine Störung der Bodenvegetation verzichtet. Diese Massnahmen werden in den 20 Betrieben jeweils in jeder zweiten Rebgasse durchgeführt («Blumengassen»), die restlichen Rebgassen werden herkömmlich bewirtschaftet («Bewirtschaftungsgassen»). In diesen Gassen darf weiterhin Mulchgut belassen und Rebholz in den Boden eingearbeitet werden.

Im Rahmen der von uns geplanten und optimierten Wirkungskontrolle zeigte sich 2024, dass die Individuenzahlen von einzelnen Zielarten und einiger weiterer typischen Rebflora-Arten in den Rebgassen mit Massnahmen («Blumengassen») im Durchschnitt höher waren als in den Bewirtschaftungsgassen und sich somit wie erhofft positiv entwickelt haben. Die Zunahmen fanden sich bisher vor allem bei weniger anspruchsvollen Arten der Weinberge, wie Weinbergs-Lauch (Allium vineale), Ackersalat (Valerianella locusta agg.), Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis) und der Purpur-Taubnessel (Lamium purpureum). In der Artenzahl konnte bisher keinen signifikanten Unterschied zwischen den Blumen- und den Bewirtschaftungsgassen beobachtet werden. 

Bei nicht systematischen Erhebungen in mehreren Rebbergen des Kantons Schaffhausen hat die zuständige Fachpersonen für die Rebflora aber festgestellt, dass sich die Gelbsterne zunehmend vom Unterstockbereich in die Rebgassen ausbreiten und die Blumengassen höhere Bestände aufweisen als die Bewirtschaftungsgassen. Diese Beobachtung macht uns zuversichtlich, dass die bisher eher schwachen Effekte der Fördermassnahmen in den kommenden Jahren stärker zum Tragen kommen.

Link zum Projekt: Agrofutura

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