Forschungspreis 2025

Zwei hervorragende Studien teilen sich den Hintermann & Weber-Forschungspreis für Naturschutz 2025. Mit der ersten prämierten Arbeit verfeinert Cyann Winkler von der Universität Neuchâtel (Conservation Biology) das Wissen darüber, welche Lebensräume die gefährdete Gelbbauchunke bevorzugt. Die zweite Siegerarbeit stammt von Maximilian Schiefer von der Uni Bonn (Institut für organismische Biologie). Sie beschreibt eindrücklich, wie und aus welchen Gründen sich die Tagfalterfauna der Stadt Bonn in den letzten 80 Jahren gewandelt hat. Die gleichermassen hohe Qualität beider Masterarbeiten bewog die fünfköpfige Jury dazu, diesmal gleich zwei Studien zu prämieren. Obwohl sie sich mit sehr unterschiedlichen Organismen und Lebensräumen beschäftigen, haben die Studien wichtige Gemeinsamkeiten. Beide zeigen die zentrale Bedeutung vernetzter Lebensräume für den Fortbestand von Populationen und Arten. Umgekehrt belegen sie die Problematik isolierter Lebensrauminseln, deren Erhalt dem Naturschutz hohe Investitionen abverlangen. Diese Erkenntnisse sind nicht grundsätzlich neu. Doch die beiden Siegerarbeiten sind ein dringlicher Appell an den Naturschutz und die Politik, konsequent und mit Nachdruck in den Verbund von Biotopen gefährdeter Arten zu investieren.

From ponds to pondscapes: habitat characteristics influencing the abundance of the threatened yellow-bellied toad (Bombina variegata)

 

Über 500 Tümpel waren es, die Cyann Winkler verteilt über 33 Standorte in vier Landschaften der Westschweiz untersucht hat. Die Aufmerksamkeit galt dabei der Gelbbauchunke, einer gefährdeten Amphibienart. Welche Eigenschaften der Tümpel und ihrer Umgebung sind entscheidend dafür, ob die Unke darin vorkommt oder nicht? Für jedes Gewässer wurde bei drei nächtlichen Begehungen erfasst, ob und in welcher Anzahl die Unken anwesend sind. Mit erfasst wurden diverse Merkmale des Lebensraums. Dazu gehörte beispielsweise die Anzahl der Tümpel in der Umgebung, das Material des Untergrundes der Tümpel, die Art und Anzahl potenzieller Verstecke in Ufernähe oder die Ausdehnung sonniger oder schattiger Bereiche. 

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Die statistische Analyse des umfangreichen Datenmaterials ergab: Je mehr Tümpel benachbart an einem Standort vorhanden sind, desto eher kommt die Unke vor und desto grösser ist ihr lokaler Bestand. Aus dem statistischen Zusammenhang abgeleitet empfiehlt die Preisträgerin die Mindestzahl von acht Tümpeln pro Standort, um einen lokalen Bestand an Unken aufzubauen. Im Idealfall sind bis zu 20 Tümpel nebeneinander vorhanden. Neue Tümpel sollten im Umkreis von maximal 150 m um bereits besetzte Tümpel angelegt werden. Bis zu dieser Distanz, so stellte die Preisträgerin fest, werden Tümpel zuverlässig besiedelt – sofern keine Hindernisse wie Strasse, Mauern oder Flüsse den Zugang verhindern. Auch auf die Qualität der einzelnen Tümpel kommt es an: Als besonders geeignet erwiesen sich Tümpel an sonnigen Standorten, vorzugsweise mit einem sandig-kiesigen oder lehmigen Untergrund und mit Versteckmöglichkeiten aus Stein oder Holz direkt angrenzend an die Ufer. Klar im Zentrum steht aber die Erkenntnis, dass es für grosse und stabile Bestände der Gelbbauchunke ganze «Tümpellandschaften» mit einer Vielzahl von hochwertigen Wasserstellen braucht. Die sehr konkreten und breit abgestützten Empfehlungen machen die Studie von Cyann Winkler besonders wertvoll und hilfreich. Damit verleiht sie der Förderung einer für den Naturschutz so wichtigen Zielart neue Impulse.

 What’s left of it. Multifactorial Restructuring of impoverished, urban Butterfly Communities

 

Fast 50 Prozent betragen die Verluste an Tagfalterarten, die sich in der urbanen Landschaft in und um die Stadt Bonn innert 80 Jahren eingestellt haben. Dieser bedenkliche Befund entstammt der ausgezeichneten Studie von Maximilian Schiefer. Sie stützt sich auf teils historische Tagfalterdaten aus drei Zeiträumen zwischen 1943 und 2024. Die stärksten Verluste ereigneten sich in der Zeit von zirka 1940 bis Mitte der 1990er Jahre. Von Verlusten besonders betroffen zeigten sich zum einen Tagfalterarten mit geringem Flugvermögen, zum anderen stark auf bestimmte Lebensräume oder einzelne Pflanzenarten spezialisierte Arten. Tagfalter sind stark von der Verfügbarkeit der Nahrungspflanze ihrer Raupen abhängig. Auf der Suche nach den Gründen für den dramatischen Rückgang war es also naheliegend, Veränderungen bei der Vegetation zu berücksichtigen. 

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Dazu nutzte der Preisträger 30 Jahre alte Daten zur botanischen Artenzusammensetzung von vier Schutzgebieten und verglich sie mit eigenhändig gemachten Wiederholungen. Damit konnte er zeigen, dass die vier Gebiete ihre botanische Qualität über Jahrzehnte bewahren konnten, während in derselben Zeit die Tagfaltergemeinschaft tiefgreifend verarmte. Maximilian Schiefer schliesst aus all seinen Ergebnissen, dass nebst dem Flächenverlust bestimmter Lebensraumtypen und dem Klimawandel vor allem die verminderte Vernetzung der verbliebenen Tagfalter-Lebensräume zum Rückgang an Tagfalterarten im Raum Bonn führte. Die isolierten Lebensraum-Inseln reichten nicht aus, um überlebensfähige Bestände vieler Tagfalterarten zu erhalten. Er folgert daraus, dass die Bedeutung kleiner und isolierter Naturschutzgebiete für den Schutz von Schmetterlingen neu zu bewerten sei. Seine für den Raum Bonn beispielhafte Studie betont die Dringlichkeit, bestehende Lebensräume miteinander zu verbinden. Es braucht zusätzliche Flächen geeigneter Qualität, die in Reichweite der isoliert lebenden Artbestände liegen. Ansonsten dürften sich die beobachteten negativen Trends fortsetzen.

Die beiden Preisträger:innen haben herausragende und praxisnahe Arbeiten vorgestellt. Ihre Ergebnisse machen deutlich: Erfolgreicher Naturschutz ist nur möglich, wenn Lebensräume gut miteinander verbunden sind. Wird diese Vernetzung vernachlässigt, geraten viele Arten in Gefahr. Dies gilt gleichermassen für städtische und ländliche Räume, für Lebensräume an Land wie im Wasser und sowohl für einzelne Arten als auch für ganze Lebensgemeinschaften. Kleine, isolierte Lebensräume können nur einen begrenzten Beitrag an den Erhalt gefährdeter Arten leisten. Das Risiko, Arten selbst in ihren letzten Rückzugsorten und bei guter Biotoppflege zu verlieren, ist gross.