Vom Menschen gänzlich unberührte Wälder gibt es bei uns in der Schweiz nur noch vereinzelt. Solche «Urwälder» enthalten deutlich ältere Bäume und einen mehrfach höheren Anteil an abgestorbenem Holz als Wirtschaftswälder, in denen regelmässig Holz geerntet wird. Aber womöglich lassen sich urwaldähnliche Bestände wiederherstellen? Gemeint sind Wälder, wo natürliche Prozesse ungestört ablaufen und Bäume ganz alt werden können. Gemäss diesem Ziel sollen bis ins Jahr 2030 rund 5% der Schweizer Waldfläche als sogenannte Naturwaldreservate der Nutzung entzogen sein. Darauf hatten sich im Jahr 2001 das Bundesamt für Umwelt und die kantonalen Forstdirektionen geeinigt.

Der Kanton Aargau ist dank seinem «Naturschutzprogramm Wald» auf Zielkurs. Stand 2024 bestanden kantonsweit 42 Reservate mit Nutzungsverzicht. Sie sind zwischen 20 und 281 Hektaren gross und bedecken mit insgesamt 2035 Hektaren 4.1% der Waldfläche des Kantons. Um den Nutzungsverzicht mit der Waldeigentümerschaft zu regeln, werden Verträge mit 50 Jahren Laufzeit abgeschlossen. Denn Wälder entwickeln sich nur langsam. Waldbäume bilden die für Alt- und Totholzarten interessanten Merkmale erst ab einem Alter von zirka 100 Jahren aus. Zweifellos werden die Reservate innert 50 Jahren ältere Bäume und Bestände später Entwicklungsphasen ausweisen. Unklar ist dagegen, ob dadurch die typischen Waldorganismen tatsächlich gefördert werden, oder ob selten gewordene Arten zurückkehren. Die Abteilung Wald des Kantons Aargau hatte deshalb entschieden, mit einer eigenen, breit angelegten Studie den aktuellen, noch frühen Entwicklungszustand der Naturwaldreservate zu dokumentieren. Dies soll Erfolgskontrollen in dreissig oder fünfzig Jahren ermöglichen, wenn die Reservate ein fortgeschrittenes Entwicklungsstadium erreicht haben. Die Studie sollte aber ebenso aufzeigen, ob sich die Artenvielfalt der Reservate bereits heute — nach erst etwa 20 Jahren Nutzungsverzicht — in die gewünschte Richtung entwickelt.

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Reservate und Wirtschaftswälder im Vergleich

 

In der Studie wurden zwischen 2015 und 2023 insgesamt 18 ausgewählte Naturwaldreservate in gleicher Weise bearbeitet. Durch spezialisierte Fachleute (siehe Kasten) erfasst wurde die Artenvielfalt von besonders waldtypischen, aber nur selten untersuchten Organismengruppen: von Holzpilzen, -Käfern sowie von Fledermäusen. Gleichzeitig wurden Merkmale der Lebensraumqualität erhoben, insbesondere die Menge an Totholz sowie Merkmale des Baumbestandes. Dieselben Messungen erfolgten jeweils auch in einem benachbarten, möglichst gleichartigen Waldbestand, der nach wie vor forstwirtschaftlich genutzt wird (Wirtschaftswald). Diese gepaarte Anordnung von Untersuchungsflächen mit und ohne Nutzungsverzicht erlaubt es, durch den direkten Vergleich der Resultate die Wirkung des Nutzungsverzichts einzuschätzen.

Käfer und Mops

Überraschend klare Ergebnisse

 

Diese Vergleiche zeigen, dass Naturwaldreservate bei den massgebenden Eigenschaften deutlich besser abschneiden als die benachbarten Wirtschaftswälder. Für diese Bewertung entscheidend ist die Anzahl der Arten, die auf naturnahe, alt- und totholzreiche Wälder spezialisiert sind oder gemäss den Roten Listen mindestens als potenziell gefährdet gelten. Ihre Artenzahlen liegen bei allen drei untersuchten Organismengruppen in den Naturwaldreservaten höher als in den Wirtschaftswäldern (siehe Grafik). Der Unterschied in den mittleren Artenzahlen pro Untersuchungsfläche beträgt je nach Gruppe und Kennzahl zwischen 20 und 30 Prozent. Am deutlichsten sind die Unterschiede bei den Pilzen. Bei ihnen ist auch die Gesamtartenzahl in Naturwaldreservaten erhöht.

Zudem liess sich feststellen, dass das Angebot an Totholz in den Naturwaldreservaten um das Zwei- bis Dreifache grösser ist als in vergleichbaren Wirtschaftswäldern. Diese Unterschiede im Totholzangebot können zumindest bei den Pilzen einen Teil der Unterschiede der Artenvielfalt erklären. Bei den Käfern dagegen ist die Totholzmenge allein ein schlechter Indikator für die Artenvielfalt. Vielmehr scheint für die Käfer die Präsenz von alten, noch lebenden Bäumen sowie die Vielfalt an verschiedenen Totholzqualitäten eine bedeutende Rolle zu spielen. Bei den grossräumig aktiven Fledermäusen wiederum ist der Biotopverbund mit den Wäldern in der Umgebung wichtig. Je grösser die Ausdehnung von altholzreichen Beständen im Umfeld eines Reservats war, desto mehr Arten wurden festgestellt und umso höher war die gemessene Flugaktivität.

Wald Grafik

Auch die Wirtschaftswälder sind wichtig

 

Mit drei untersuchten Organismengruppen und 18 kantonsweit verteilten Untersuchungsgebieten sind der Umfang und die Tiefe der Studie aus dem Aargau bemerkenswert. Sie liefert klare Hinweise dafür, dass unter Nutzungsverzicht längerfristig Artengemeinschaften erhalten werden, die für den Naturschutz bedeutend sind und die sich von denen eines vergleichbaren Wirtschaftswaldes abheben. Doch ebenso hat die Studie aufgezeigt, dass auch Wirtschaftswälder vielfältig und biodivers sein können. Dies ist zwar oft nur kleinräumig der Fall, insbesondere wo alt- und totholzreiche Bereiche vorhanden sind. Die dort gefundene Artenvielfalt legt aber nahe, dass Altholzinseln und Biotopbäume im Wirtschaftswald eine wichtige Funktion im Biotopverbund totholzgebundener Organismen erfüllen. Bedenkt man die grosse Flächenausdehnung der Wirtschaftswälder, wird die Bedeutung naturnaher Elemente im Wirtschaftswald für die Biodiversität offensichtlich.

Käfer und Pilz v2

Ein Team aus Fachleuten hat gesucht – und gefunden!

 

— Die Hintermann & Weber AG durfte das Konzept der Studie entwickeln, koordinierte sämtliche Arbeiten und wertete die Daten für den Schlussbericht statistisch aus. Wesentliche Facharbeiten erfolgten durch spezialisierte Projektpartner:

— Pilze: Stefan Blaser und Andrin Gross (WSL Birmensdorf)

— Käfer: Ulrich Bense (D-Mössingen), Adrienne Frei (Zürich)

— Fledermäuse: Lucretia Deplazes, Fabio Bontadina, (SWILD), Andres Beck (Fledermausschutz Kanton Aargau)

Dieses Team hat im Rahmen dieser Studie nicht weniger als 237 Pilzarten erstmals für den Kanton Aargau nachgewiesen! Unter den erfassten Käferarten befinden sich sechs Neufunde für die Schweiz und für 99 Erstfunde für den Kanton Aargau!

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Der Kanton Aargau setzt sich aktiv für den Naturschutz im Wald ein. Viele spannende Projekte und Informationen findet man auf ihrer Webseite.