Damit Wildtiere die Schweiz sicher durchqueren können
Auch bei uns legen Wildtiere teils weite Strecken zurück. Oft sind es Jungtiere, die ihr Rudel oder ihre Familie verlassen und ein eigenes Gebiet suchen. Solche Wanderungen halten Populationen gesund: Sie ermöglichen neue Besiedlungen und den genetischen Austausch. Mit dem Klimawandel wird das noch wichtiger, weil Arten auf veränderte Bedingungen reagieren müssen. Entsprechend verpflichten nationale und internationale Vorgaben Bund und Kantone, Lebensräume besser miteinander zu verbinden.
Hindernisse in der Kulturlandschaft
Wandernde Tiere kennen das Gebiet oft nicht. Darum bewegen sie sich vorsichtig und suchen, wenn möglich, Deckung – zum Beispiel in Wäldern oder entlang von Hecken. In der stark zersiedelten Schweiz erschweren viele Hindernisse die Bewegung: Autobahnen, Bahnlinien, Siedlungen, Zäune oder beleuchtete Flächen. Solche Barrieren zwingen Tiere zum Umweg, erhöhen das Risiko von Strassenquerungen oder trennen Lebensräume ganz.
Um besser zu verstehen, wo Wildtiere bevorzugt wandern, gibt es das «Vernetzungssystem Wildtiere» (siehe u. a. Schriftenreihe Umwelt Nr. 326 «Korridore für Wildtiere in der Schweiz»). Es beschreibt wichtige Bewegungsachsen durch das Land. An besonders kritischen Stellen sind Wildtierkorridore ausgeschieden. In der Schweiz gibt es 304 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung – weniger als ein Drittel davon ist heute noch intakt. Viele Korridore sind deutlich beeinträchtigt, rund 50 gelten als weitgehend unterbrochen.
Um die Situation zu verbessern, braucht es Massnahmen an den richtigen Orten. Sichtbar sind Wildtierbrücken über Autobahnen – oft wirken aber auch kleinere Eingriffe. Wichtig ist, dass Tiere während ihrer Wanderung genügend ruhige Bereiche finden und sich orientieren können. Leitstrukturen wie Hecken, Brachen oder bestockte Fliessgewässer führen Wildtiere zu geeigneten Querungsstellen.
Auch technische Lösungen können helfen: Wildwarngeräte oder bessere Sicht entlang von Strassen sorgen dafür, dass Autofahrer:innen Tiere früher erkennen – und umgekehrt. Das senkt das Unfallrisiko. Wildunfälle verursachen jedes Jahr hohe Sachschäden und können für Menschen gefährlich sein. Die AXA schätzt den jährlichen Schaden auf über 11 Mio. Franken.
Planung auf Kantonsebene
Damit Massnahmen wirken, braucht es eine gute Planung. Wir helfen Kantonen, wichtige Abschnitte im Vernetzungssystem zu erkennen und zu priorisieren – dort, wo der Bedarf und der Nutzen am grössten sind. Im Auftrag des Jagdinspektorats Bern prüfen wir aktuell die Durchlässigkeit des Systems und beurteilen den Zustand der 33 überregionalen Berner Wildtierkorridore im Gelände. Wichtig sind dabei auch Hinweise der Wildhüter:innen: Sie kennen genutzte Wildwechsel, Hindernisse und Warteräume. Für jeden Korridor erstellen wir ein Objektblatt mit den wichtigsten Fakten und konkreten Massnahmenvorschlägen. Diese Unterlagen helfen, unbeabsichtigte Beeinträchtigungen der Korridore zu vermeiden und Chancen für Verbesserungen frühzeitig zu nutzen.
Im Kanton Solothurn haben wir ähnliche Abklärungen schon vor rund 20 Jahren gemacht. Heute überprüfen wir die damaligen Einschätzungen und formulieren zusätzliche Massnahmen. Neben Feldbegehungen nutzen wir vermehrt Geodaten, zum Beispiel Karten zu Wildunfällen, Lidar-Daten für Gehölze als Leitstrukturen oder Modelle zur Durchlässigkeit der Landschaft der Firma Nategra. Entscheidend bleibt aber der Augenschein vor Ort: Nur so lassen sich kleine Barrieren wie Mauern oder Zäune erkennen und konkrete Lösungen entwickeln. Zusätzliche Einblicke bietet dabei der Einsatz einer Drohne.
Beispiel Engpass Klus von Balsthal
Ein Wildtierkorridor muss kein unberührter Naturraum sein. Entscheidend ist, dass Tiere ihn tatsächlich nutzen können. Ein besonders schwieriger Abschnitt liegt bei der Klus von Balsthal (Kanton Solothurn). Der Korridor soll die Jurawälder östlich und westlich der Klus verbinden, ist aber durch Industriebauten mit Zäunen, eine Autostrasse, eine Bahnlinie, Wohnhäuser und den verbauten Bach Dünnern stark eingeschränkt. Das Projekt «Hochwasserschutz und Revitalisierung der Dünnern von Oensingen bis Olten» eröffnet neue Möglichkeiten. Im Auftrag des Amts für Wald, Jagd und Fischerei prüften wir, wie sich der Korridor nebst der Revitalisierung noch weiter verbessern lässt.
Ausgangspunkt war ein Zielbild für die Vernetzung: Die revitalisierte Dünnern soll als ruhiger Warteraum dienen. Im Osten sollen Tiere Autobahnzubringer und Bahnlinie an einer geeigneten Stelle queren können. Im Westen soll die aufgewertete Dünnern über Freiflächen entlang des Gewässers gut erreichbar sein.
Darauf aufbauend entwickelten wir zwei Varianten: mit und ohne Wildtierüberführung. In beiden Varianten sind Aufwertungen entlang der Dünnern zentral; zusätzlich werden Vernetzungselemente auf den Freiflächen gestärkt. Ohne Überführung soll ein Massnahmenmix (u. a. Temporeduktion, Wildwarnanlage, Geländeanpassungen) die Querung sicherer machen. Mit Überführung würden Tiere an derselben Stelle über eine Brücke geführt.
Beide Varianten verbessern die Situation deutlich. Eine Überführung würde Wildunfälle zwar stärker reduzieren, für die eigentliche Korridorfunktion bringen beide Ansätze aber ähnlich viel. Hinzu kommt, dass eine Wildtierbrücke spätere Optionen beim Strassenausbau einschränken und insgesamt teurer würde. Die Variante ohne Überführung ist daher derzeit die pragmatischere Lösung.



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- Damit Wildtiere die Schweiz sicher durchqueren können (Mai 2026)
- Pour que la faune sauvage puisse traverser la Suisse en toute sécurité (mai 2026)







