Um beim Naturschutz das Richtige zu tun, braucht es Forschungsarbeit. Sie untersucht, wie die Natur auch in unserer stark genutzten Landschaft gefördert werden kann. Der H&W-Forschungspreis soll praxisnahe Naturschutz-Forschung würdigen und auf besonders spannende Ergebnisse aufmerksam machen.

Naturschutz zu betreiben, mag simpel erscheinen. Tümpel anlegen, Wälder auflichten,  Blumenwiesen säen, so lauten ein paar vermeintliche Patentrezepte. Doch auch in dieser Branche spielen Forschung und Innovation eine wesentliche Rolle für einen Fortschritt. Dank engagierten Forscher:innen ist heute anerkannt, dass Kreuzkröten idealerweise mit grossen, seichten Laichgewässern gefördert werden, weil sich in kleinen Tümpeln und Pfützen die vielen Kaulquappen gegenseitig konkurrenzieren, langsamer wachsen und schlechter überleben. Auch wissen wir heute, dass Junghasen nur im Innern von locker gesäten Getreidefeldern oder grossen Buntbrachen genügend vor Beutegreifern geschützt sind, so dass ein überlebensfähiger Feldhasenbestand möglich ist. Auch die notwendigen Mindestmengen an Totholz, die bestimmte Waldorganismen benötigen, würden in der Praxis heute sicherlich weniger beachtet, wenn es dazu keine Forschung gegeben hätte. Praxisnahe Naturschutzforschung bedeutet, dass ihre Ergebisse typischerweise zu klaren Empfehlungen führen, wie sich bestimmte Arten oder Lebensräume erhalten, fördern oder wiederherstellen lassen. Hier ist guter Rat wichtig und dringend. Die Hintermann & Weber AG möchte deshalb diesen Forschungszweig unterstützen, auch weil wir bei unseren Tätigkeiten selbst auf solche Erkenntnisse zurückgreifen. Im Jahr 2003, zum 20-jährigen Bestehen unserer Firma, wurde beschlossen, jährlich einen Preis für eine herausragende, originelle und besonders praxistaugliche Arbeit zu vergeben. Seither wurde der Preis 19-mal vergeben. Hier stellen wir die beiden jüngsten der prämierten Arbeiten vor. Anschliessend möchten wir auf einige unserer eigenen Mandate und Projekte hinweisen, bei denen wir praxisnahe Forschungsarbeit leisten.

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Renaturierungsmethoden für Grünland

Weiden und Wiesen prägen die Landschaft Mitteleuropas seit Jahrhunderten. Durch Einsatz von Dünger wurden allerdings viele dieser «Grünland»-Flächen im Lauf des vergangenen Jahrhunderts in hochproduktive, aber artenarme Wiesen umgewandelt. Wirkungsvolle Methoden, wie artenreiches Grünland wiederhergestellt werden kann, sind also gefragt. In seiner Dissertation präsentiert Daniel Slodowicz von der Universität Bern neue, anwendungsorientierte Erkenntnisse zu diesem Thema. Seine Arbeit wurde mit dem H&W-Forschungspreis 2022 ausgezeichnet. In einem aufwändigen Freilandversuch testete er an 48 Standorten die Vor- und Nachteile verschiedener Verfahren zur Ansaat artenreicher Fromentalwiesen – noch Mitte des letzten Jahrhunderts der häufigste Wiesentyp in der Schweiz. Die getesteten Verfahren waren nicht neu. Noch wenig bekannt war jedoch, welche Faktoren für die Qualität der neuen Wiesen eine Rolle spielen. Die Ergebnisse des Versuchs liefern nun klare Argumente dafür, anstelle einer im Handel angebotenen Samenmischung frisches Schnittgut einer hochwertigen Spenderwiese zu verwenden. Nur auf diese Weise gelangen nebst den Pflanzenarten sofort auch wirbellose Tiere auf die neue Fläche. Mit dem Schnittgut wurden pro Quadratmeter durchschnittich neun Individuen von Wirbellosen übertragen, vor allem Käfer und Spinnen. Diese und andere Ergebnisse der Arbeit des Preisträgers werden dazu beitragen, die Qualität von neu angelegten Wiesen weiter zu verbessern. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Insektensterbens sind vielfältige Wiesen mit einem grossen Angebot an Blüten und Nahrungspflanzen von grosser Bedeutung. Mehr zu dieser Arbeit erfahren Sie unter diesem Link: Daniel Slodowicz.

Risikogebiete für den Bartgeier

Grosse, tagaktive Greifvögel sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, mit Rotorblättern von Windkraftanlagen zu kollidieren. In der Schweiz ist der Bartgeier stark von solchen Unfällen betroffen. Er gilt auch nach der erfolgreichen Wiederansiedlung weiterhin als «vom Aussterben bedroht». Dank der Forschungsarbeit von Sergio Vignali von der Universität Bern ist nun viel genauer bekannt, wo der Bartgeier mit der Windkraft in Konflikt gerät und wo dies eher unwahrscheinlich ist. Grundlage für seine Prognosen bildeten die Positionsdaten von 28 besenderten Bartgeiern, sowie Angaben zu Windverhältnissen, zur Hangneigung und -ausrichtung und zum Nahrungsangebot. Mit dieser umfangreichen Datenbasis gelang es dem Preisträger 2023, die tatsächliche Nutzung des Luftraums durch den Bartgeier kleinräumig zu modellieren. Den vom Autor erzeugten Risikokarten liegen spannende Zusammenhänge zugrunde. Demnach konzentrieren sich die risikoreichen Flüge unter einer Höhe von 200 m auf steile, südexponierte Berghänge mit starkem Aufwind, wo darüber hinaus mit Steinbockkadavern zu rechnen ist. Gemäss Modellierung umfasst das Gebiet mit potenziellen Kollisionen 31 % der Fläche der Schweizer Alpen. Zuhanden der kontroversen Planungsarbeiten für Windkraftanlagen stellen Sergio Vignali und die Co-Autor:innen, darunter Vertreter:innen der Stiftung Pro Bartgeier und der Vulture Conservation Foundation, eine sich auf Fakten stützende Entscheidungshilfe zur Verfügung. Sie kann die Suche nach Kompromissen zwischen Natur- und Klimaschutz massgeblich unterstützen. Mehr zu dieser Arbeit erfahren Sie unter diesem Link: Sergio Vignali.

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Forschen und Wissen bei H&W

Die beiden prämierten Arbeiten zeigen beispielhaft, wie Forschende mit ihren Folgerungen zu besseren Lösungen verhelfen oder Konflikte versachlichen können. Diese Rolle möchten
wir auch bei unserer eigenen Arbeit gerne übernehmen. Forschen und Wissen zu vermehren erachten wir deshalb als eine unserer Kernkompetenzen. Aktuell arbeiten wir an verschiedenen Projekten, die auf einen fachlichen Erkenntnisgewinn abzielen. Dazu einige Beispiele: Im Auftrag einer Trägerschaft von sechs Kantonen leiten wir seit 2021 eine fünfjährige Studie, welche die Vor- und Nachteile einer Vormahd oder Vorweide auf Flachmoore und Trockenwiesen aufzeigen soll. Gemeint ist eine zusätzliche Nutzung Anfang Mai, vor dem maximalen Vegetationsaustrieb. Ebenfalls als interkantonales Bewirtschaftungsexperiment konzipiert ist ein Projekt zur Förderung der besonderen Flora in Rebbergen. Im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft BLW und mehreren Kantonen vergleichen wir seit 2020 die Wirkung alternativer Bodenbearbeitungs- und Begrünungsmethoden auf die typische Rebflora und das Blütenangebot in den Fahrgassen zwischen den Rebstöcken. Beide Studien sind derzeit noch in Gang. Bereits positive Konsequenzen lassen sich in einem dritten Beispiel aufzeigen: Für den Aktionsplan zur Förderung des Gartenrotschwanzes im Auftrag der Stadtgärtnerei Basel-Stadt wurden seit 2010 rund 200 Nistkästen in ausgewählten Bruthabitaten montiert. Dank einer laufenden Dokumentation des Bruterfolges in diesem und weiteren Projekten wurden die Bautypen mit hohem Prädationsrisikon erkannt und durch sicherere ersetzt. Dadurch steigerte sich der Bruterfolg pro Gelege von durchschnittlich 3.5 auf 4.5 Jungvögel. Dieser Fall illustriert den Nutzern praxisnaher Forschung sehr anschaulich.

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